Meine Schwiegermutter und die Ulrichskirche
Dreißig Millionen wollen die sammeln, sagt meine Schwiegermutter am Sonntagvormittag, am Kaffeetisch, während im Radio die Glocken läuten. Für ne Hülle, sagt sie, mit der nichts weiter passiert, als dass man die Frischluft auf dem Ulrichsplatz mit Stein umschließt. Im Radio erklingt Orgelmusik. Der Gottesdienst beginnt, während sie die Schale vom Frühstücksei pellt. Das kann ich nicht sehen. Ich gehöre zu den Eiköpfern. Ich bin für kurz und schmerzlos statt hintenrum. Im Namen des Vaters und des Sohnes und… Der Skandal geht weiter, fällt meine Schwiegermutter dem Heiligen Radiomann ins Wort.
Sag mal, Schwiegermutter, wollen wir nicht das Radio ausstellen? Warum, fragt sie? Kannst das wohl nicht leiden, dass dir einer ins Gewissen quatscht? Nein, sage ich, aber wenn du über die Ulrichskirche streiten willst, hörst du dem Prediger doch sowieso nicht zu. Na und, sagt sie, das ist der doch gewohnt. Das Radio bleibt an.
Ich meine, sagt meine Schwiegermutter, ich habe ja nichts dagegen, dass die ihre Stadt mit Kirchen voll stellen wollen. Aber was ist der Plan? Ein Denkmal für den unbekannten Magdeburger Kirchgänger oder hab ich was verpasst? Was willst du denn verpasst haben? Für mich spricht meine Schwiegermutter wieder mal in Rätseln. Na, die Nachricht, dass die Stadt plötzlich wieder fromm geworden ist? Im Radio singt die Gemeinde: Ein feste Burg ist unser Gott… Ich habe gelesen, dass die Ulrichskirche eine Begegnungsstätte werden soll, wende ich ein. Für wen, fragt sie, für Gruftis, denen es draußen zu hell ist? Die Leute haben doch im Ulrichshaus und im Alleecenter genügend Begegnungsstätten. Da gehen die hin. Da gibt’s was zu Essen.
Nun sei doch nicht immer so negativ, sage ich ihr. Das Evangelium steht heute…, kündigt im Radio der Pastor an. Mach mal ein bisschen leiser. Da kann sich ja keiner unterhalten, sagt sie jetzt. Also gut, sagt sie, ich sag dir mal was: Ich habe auch nach Gründen gesucht, die für den Aufbau der Kirche sprechen. Für den Aufbau spricht meines Erachtens, dass wir ein klares Ziel hätten – und das wäre die Ulrichskirche als erste Magdeburger Erlebniskirche. Mir spritzt der Kaffee zwischen den Lippen auf die Kulturseite der Volksstimme. Sag mal, spinnst du, zetert sie. Ich wollte doch die Konzertbesprechung noch lesen. Mach doch einmal den Versuch, ernsthaft bei einer Sache zu bleiben, sagt sie. Erstens haben wir dann den Ort, an welchem dem Telemann das entzückende Neugeborenenköpfchen übers Taufbecken gehalten wurde. Ich stell mir das so vor: Der Tourist betritt die Kirche, kommt zum Taufbecken. Wenn er die Lichtschranke passiert, wird die Taufe, originalgetreu von Schauspielern des städtischen Theaters nachgestellt, auf dem Grund des Taufbeckens auf dem dort installierten Bildschirm gezeigt. Das lässt sich heutzutage ja ohne Probleme machen. Sie ignoriert meine zum Himmel verdrehten Augäpfel. In diesem Moment, erzählt leise der Prediger im Radio, packte Jakob den Mann und rang mit ihm. Da kommt der entscheidende Satz, sagt der Prediger: Ich lasse dich nicht, ehe du mich segnest! Ja, sagt meine Schwiegermutter, Ich will dir mal was sagen: Ich bin auch für den Wiederaufbau der Ulrichskirche. Mehr Gläubige finden wir nicht in Magdeburg, führt sie ihren Gedanken zu Ende. Brauchen wir auch nicht. Wir bauen ja nur eine Als-ob-Kirche. Da finden von Morgens bis Abends Gottesdienste im Sieben-Minuten-Fernsehformat statt: Das ganze Programm, nur kürzer. Liturgie 3 Minuten, Gesang 1 Minute, Predigt 2 Minuten. Bleibt aber eine Minute über, grinse ich sie an. Die ist für Unvorhergesehenes. Am Imbiss gibt´s Bockwurst statt Abendmahl. Studenten der Uni können sich ein Zubrot verdienen. Die werden Montags in den lutherischen Talar gesteckt, am Dienstag ins katholische, Mittwochs ins orthodoxe Priestergewand. Jeden Mittwoch fährt morgens acht Uhr auf Knopfdruck die Ikonenwand aus den wärmetechnisch perfekt gedämmten Zwischenwänden. Die Studenten spulen ihr gottesdienstliches Programm so diskret ab, dass nur der Interessierte in die formvollendeten Liturgien gezogen wird, aber es ist natürlich nur die Form, die Hülle. Die Texte sind ohne Inhalte, also politisch korrekt, verstehst du? Wenn ich einen Glauben hätte, wäre ich ja jetzt glatt vom selbigen abgefallen.
Naja, sagt sie, wenn man die ganzen Glaubensrichtungen da drin hat, dürfen die sich ja inhaltlich nicht begegnen, sonst gibt es Streit. Und wer will in einer Erlebniskirche schon Streit? Eine Ausnahme gibt es freilich, wenn der Tourist die Sakristei öffnet, stürmen die Pappenheimer Reiter in Drei-D auf ihn zu und plündern, wie 1631, die Stadt. Du denkst, du bist live dabei, mein Lieber. Da ist Action in der Kirche!
Was hat denn die Ulrichskirche mit der Erstürmung Magdeburgs zu tun? Nichts, sagt sie, aber in einer Erlebniskirche erwartet der Tourist auch Infos zur Stadtgeschichte – und das möglichst lebendig. Du kannst dann jedes Jahr am Tag der Sprengung dieselbe ebenfalls in der Sakristei so mit erleben, als ob du tatsächlich in der Kirche gesessen hättest.
Ich glaube nicht, widerspreche ich ihr, dass du mit diesen Vorschlägen das Herz des Oberbürgermeisters gewinnst. Das gewinne ich mit einer anderen Idee, sagt meine Schwiegermutter. Dabei fuchtelt sie mit beiden Armen in der Luft, dass man Angst kriegt, sie kippt aus ihrem Rollstuhl. Lassen Sie uns für die ehemaligen Mitglieder unserer Kirchgemeinden beten, schlägt der Pfarrer im Radio vor. Da bin ich aber mal gespannt, sage ich. Der Oberbürgermeister hat doch gerade mal wieder Ärger mit diesen komischen Künstlern, die nicht aufgeben, zu behaupten, dass ihr Vockeroder Gewächshausgerippe am Schleinufer eine Skulptur sei. An seiner Stelle würde ich das Gewächshaus nachts heimlich abbauen und dann an einer dunklen Stelle in der Ulrichskirche wieder aufbauen. Da kann von unten nichts wachsen. Da gibt’s keine Unordnung. Da gibt’s nur das Gewächshausgerippe – und das heißt jetzt die Kapelle zum Heiligen Gras. Da können die Künstler nun wirklich nichts mehr dagegen haben. Und der OB kanns auch zufrieden sein. Das Ding stört den gepflegten Rasen vorm Kloster Unser Lieben Frauen nicht mehr und hat eine neue, praktisch überirdische, Funktion, Und welchen Zweck hätte die Kapelle in der Ulrichskirche? Na, sagt meine Schwiegermutter, da kann der OB einmal jährlich zum Gebet gegen die Wassergefahren einladen, das ist ja eines der Arbeitsgebiete des Heiligen Ulrich. Und als Warnung für die Meckerer hängt an der Kapelle des Heiligen Gras eine Tafel mit der Bauernregel für den Gedenktag des Heiligen Ulrich: Regen am Sankt-Ulrich-Tag macht die Birnen stichig mad. Fragt sich zwar das Magdeburger Schulkind, wie die Maden in die Dosen kommen sollen, aber das ist ein anderes Thema. Das ist doch Quatsch, sage ich. Amen, sagt der Pfarrer im Radio. Jetzt mal ehrlich, welchen Sinn soll denn das Gewächshaus in der Ulrichskirche machen? Na siehste, sagt sie, so blöde bist du gar nicht, wie man immer denkt. Dann kannst du doch auch die Frage beantworten: Welchen Sinn macht denn das, die frische Luft vor dem Ulrichshaus mit einer Kirche im säkularen Magdeburg zu umbauen? Sie hörten die Übertragung eines evangelischen Gottesdienstes in der St. Ulrichskirche zu Halle, sagt der Sprecher im Radio.
Und was wird aus den Dreißig Millionen?, frage ich sie. Die kriegt die Welthungerhilfe. Da hätte St. Ulrich auf seine alten Tage noch eine gute Arbeit geleistet.

