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Chronologisch geordnete Charakterbilder 2002 hatte mich Ludwig Schumann eingeladen, eines meiner Bücher im Magdeburger Salon vorzustellen, eine Veranstaltungsreihe, die im il capitello auf dem Domplatz stattfand. Es war ein wunderschöner Abend. Die Gespräche vor dem Café, sozusagen direkt auf dem Domplatz unterhalb dieses in der Geschichte ruhenden, ehrwürdigen Gebäudes,sind mir in bester Erinnerung. Ich kannte Magdeburg; meine Mutter wuchs in der Nähe auf. Die laue Nacht auf dem Domplatz von Magdeburg im Gespräch mit den Menschen vor Ort zeigte mir eine neue Seite der Stadt. Dass sie gleichzeitig einen neuen Klang für mich bekam, verdanke ich Ludwig Schumann, der nicht müde wurde, unermüdlich über die Stadt zu erzählen. Ein ungewöhnlicher Reiseführer durch die Geschichte der Stadt. Manches davon begegnete mir, auf ganz andere Weise und oft auch mit überraschenden Deutungen, im vorliegenden Brevier wieder. Auch Mnches, über das wir in ganz anderen Zusammenhängen an jenem Abend gesprochen hatten. Die chronologische Ordnung der Gedichte darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es dem Autor um etwas anderes geht: Um ein Charakterbild der Stadt. Wenn es aus Schumann schließlich beinahe hervorbricht, warum dieses ganze Brevier zu (s)einer Stadt mit ihrer großen Leidensgeschichte in nur 48 Stunden, zwischen Karfreitag und Karsamstag 2004 entstand, dann erinnert seine Sprache mühelos an Brecht. "ach im fleische/steckt er mir/der pfahl/die stadt/an der wir/kranken/ach da steckt sie/tief verletzt/die liebe." Es wäre nicht Schumann, wenn er dabei nicht zu seinem eigenen Ende käme: "unversehrheit/ist der stolz/der provinz." Man findet viele solcher aufhebenswerten Gedanken in den Gedichten, die nicht unbedingt nur zartfühlend mit der Stadt umgehen. Wie auch? Die Stadt hat nicht nur eine Geschichte, sie ist nicht nur schönzureden zu ihrem 12hundertsten Geburtstag. Zu Geschichte gehören dunkle Seiten. Schumann lädt ein ganzes Panoptikum berühmter Geister in den Ring: Otto der Große, Mauritius, Eulenspiegel, Guericke, Täve Schur, gleichsam als Zeugen werden sie vernommen. Und jedesmal findet er eine Pointe, eine Begebenheit, eine kleine Wendung, die Geschichte ins Allgemeine, ins Heutige zu übertragen. Es wird deutlich, weshalb er sich ausgerechnet dieser Zeugen bedient. Mit seinem hintersinnigen Humor bedient er sich, sprachlich sowohl dem Klang als auch dem Bedeutungshorizont der Worte immer wieder neue Nuancen abgewinnend, dieser Urmagdeburger. Den Deutschen schreibt er ins Stammbuch, dazu mit sichtlichem Vergnügen, dass die Amme an des Reiches Wiege ein Afrikaner gewesen sei, Mauritius, der Lieblingsheilige Ottos des Großen. Die magische Kraft der Mauritius-Lanze, so Schumann, gibt dem ersten Kaiser die Kraft, den Willen, das Reich gegen alle Widerstände durchzusetzen. Das wird als Idee manchem nicht gefallen. Eulenspiegel narrt die Leute nicht um seiner selbst willen, sondern weil sie die Lehre ziehen sollen: "wer immer nur/aufs rathaus starrt/der wird genarrt." Vielleicht auch ein Kommentar, die Sicht Schumanns, auf die Haltung mancher seiner Zeitgenossen in den neuen Bundesländern. Faszinierend finde ich die Sprache. Das kommt nicht gestelzt daher, sondern erzählerisch. Nicht gereimt, aber leicht. Die Beiläufigkeit, in der Worte und Bilder gesetzt werden, bringen immer eine überraschende Einsicht, oft in Momenten, in denen man sie nicht vermutet. Möglicherweise wird sich ja mancher erregen über die Stachel, die Schumann setzt. Möglicherweise wird es manchen Leser verunsichern, der sich eigentlich eine Eloge auf die Stadt versprochen hat. Das ist das Brevier mit Sicherheit nicht. Aber es wird herausragen aus den Veröffentlichungen, die zum Jubiläum kommen werden: Klein, stachlig, gallig mitunter, aber auch voller Liebe zur Stadt. Ist das Heimatliteratur? In einem intelligenten Sinne ja. Insofern ist es Literatur. Die weist immer über den Ort der Entstehung hinaus, selbst dann, wenn sie den Gegenstand ihrer Liebe oder ihres Hasses bewohnt, wie in Schumanns Falle, dessen Lebensmittelpunkt die Stadt ist. Indem er die Suche nach dem Charakterbild mit der Ortsgeschichte verband, hat Schumann den Band über Magdeburg hinaus lesbar gemacht. Das ist in der Tat ein Verdienst. Vielleicht, wenn ich das nächste Mal im il capitello sitze, habe ich dieses kleine Gedichtbändchen dabei und lese ein, zwei Kapitel in der historischen barocken Kulisse des Domplatzes mit Blick auf den Ort, an welchem der afrikanische Mauritius noch heute zu bewundern ist: den Magdeburger Dom. Ich denke, es wird ein Vergnügen sein. maurice philip remy maurice philip remy, Autor, Regisseur und Produzent zahlreicher international anerkannter Dokumentar-Serien und Sachbücher, darunter u.a. "Holokaust", "Mythos Rommel" und "Offiziere gegen Hitler" weiter... |