ludwig schumann

13.12.2004

eröffnung der ausstellung von jan bauer und peter adler im mdr-funkhaus magdeburg 

Meine Damen und Herren,

 

es geht immer um´s Eingemachte, wenn der Imperativ ausgesprochen wird: Wache! Wenn man erst die Augen aufhalten muss, ist bereits irgendetwas Unheimliches passiert. Etwas, was mir ans Leben, ans Eigentum oder an´s Herz greift. Etwas, was mir an die Nieren geht, droht. Das ist kein Vergnügen. Da ist Schutz vonnöten. Wie aber erhält man Schutz? Durch Wachsamkeit. Nein, das allein genügt nicht. Man braucht auch Schutztruppen. Für den eigenen Schutz nehmen wir auch Tote in Kauf. Das gehört zum Spiel. Andere setzen ihr Leben ein, um meines unversehrt zu erhalten. Andere setzen ihre Gesundheit und ihr Leben ein, um mein Eigentum zu schützen. Das ist gesellschaftlicher Konsens. Dazu müssen die Methoden verfeinert werden. Der Schützer muss mehr wissen über den, den er schützen soll. Wo ist die Grenze? Wann endet das in-Hut-nehmen? Erst in Hut, dann in Haft? Wieviel darf der Schützer wissen? Einerseits hat man ein Recht auf Unversehrtheit, sprich: Bewachung. Andererseits gebiert eben dieses Recht die lückenlose Überwachung...

Ein schwieriges Thema.

 

Der Wächter hat die Aufgabe, die Stadt, die Herde, den Weinberg, das eigene oder das feindliche Heerlager, einen Grabhügel zu bewachen. Im Alten und Neuen Testament jedenfalls. Aber auch hier ist die Linie zwischen Wächter und Späher nicht so eindeutig zu ziehen. Zu den Aufgaben des Wächters, der beschützt, gehört auch das Ausspähen. Der Feind wird ausgespäht. Wenn der zu Beschützende aber sein eigener Feind ist, dann richtet sich das Ausspähen auch gegen den zu Beschützenden: Und als die sieben Tage um waren, geschah des Herrn Wort zu mir: Du Menschenkind, ich habe dich zum Wächter gesetzt über das Haus Israel.... Der Bote muss den Gottlosen ausspähen, um ihn zu warnen vor dem Gotteszorn.

 

Psalm 130

 

Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir.

Herr, höre meine Stimme!

Laß deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens!

Wenn du, Herr, Sünden anrechnen willst –

Herr, wer wird bestehen?

Denn bei dir ist die Vergebung,

dass man dich fürchte.

Ich harre des Herrn, meine Seele harret.

und ich hoffe auf sein Wort.

Meine Seele wartet auf den Herrn

mehr als die Wächter auf den Morgen.

Mehr als die Wächter auf den Morgen

hoffe, Israel auf den Herrn!

Denn bei dem Herrn ist die Gnade

und viel Erlösung bei ihm.

Und er wird Israel erlösen

aus allen seinen Sünden.

 

Die Wächter warten auf den Morgen, denn wächtern ist eine hohe Verantwortung. Andere zu behüten, muss man diese Verantwortung kennen, sie wahrnehmen, dafür ausgebildet sein, dafür auch sensibilisiert sein. Zur Verantwortung gehört, dass man dem anderen das Gefühl von Ruhe, Sicherheit und Geborgenheit gibt. Der Wächter braucht also Intelligenz und Charakterstärke. „Ihr Amt ist, das Volk zu warnen, und sie stehen mit ihrem Leben für die rechte Erfüllung ihres Auftrags ein (Hesekiel 3,16-21; 33,1) Dafür – und das ist sofort die Gegenrechnung, muss er Gehorsam verlangen dürfen. Nur wer lenkbar ist, lässt sich optimal bewachen. Wer sich nicht bewegt, lässt sich leichter überwachen. Der Konflikt lässt sich bis auf den Anfang zurückverfolgen: Behüten und Überwachen sind zwei Seiten einer Medaille. Der Konflikt ist unauflösbar.

 

 

Wachsamkeit

Wachsamkeit beschreibt aber auch einen Zustand: Eine der kostbarsten Arbeiten des Magdeburger Doms handelt davon. Da sind die törichten und die klugen Jungfrauen. Die intelligenten Jungfrauen haben vorgesorgt. Sie haben sich mit Energie bevorratet, seinerzeit eben mit Öl, um für den Bräutigam, der auf sie zukommt, gerüstet zu sein. Sie werden im entscheidenden Augenblick den in den Tag hineinlebenden dämlichen Gören der Spaßgesellschaft die Show stehlen. Die anderen haben zwar auch gewartet, aber ihre Zeit nicht genutzt. Wachsam sein, bedeutet, seine Zeit intelligent nutzen. Nur wer weiß, dass die eigene Zeit nicht endlos ist, hat auch tatsächlich Zeit, geht intelligent mit Zeit um. Nur wer weiß, dass Zeit ein Geschenk auf Zeit ist, wird nicht anderer Leute Lebenszeit stehlen, meinetwegen auch mit Verwaltung. Mehr Verwaltung – auch, wohlgemerkt, unter dem Behütungsstatus, als zum Überleben nötig ist, bedeutet anderer Leute Lebenszeit stehlen. Verwaltung bedeutet auch Erfassen, Überwachen. Je weiter sich Verwaltung der Behütung zuneigt, desto mehr wird sie auch einen Anspruch auf Gehorsam erheben. Gehorsam leisten zu müssen, bedarf freilich wieder der Überwachung. Denn es muss ja gerecht zugehen. Wer verwaltet, behält sich das Maß der Gerechtigkeit vor, letztendlich auch das des notwendige Maßes an Bewachung.

Wachsamkeit ist aber eigentlich ein Zustand, der die sofortige Bereitschaft in der gespannten Erwartung eines Kommenden beschreibt. Zielgerichtet, punktuell Schaden abzuwenden. Die kluge Form der Überwachung ist der punktuelle Zugriff zur Abwendung eines Schadens.

Auf der Feuerwache wird man Beispiele dafür finden.

Auf der Polizeiwache desgleichen. Denn hier findet nicht die Überwachung statt. Der punktuelle Zugriff freilich kann aus der Überwachung resultieren.

Ein schwieriges Pflaster. Wie verbinde ich den Anspruch auf Unversehrtheit mit dem Anspruch auf Freiheit?

 

 

 

noch einmal: wache!

Ach ja, die Freiheit. Anything goes. Alles geht nicht nur, alles hat auch damit seine gleiche Wertigkeit. Hierarchien sind out. Auch im Wissen. Wir verlassen soeben die Zeit, als es in der Gesellschaft noch ein gemeinsames Wissen gab. Damit beginnt die „wertfreie Betrachtung“. Sicher muss alle paar Jahre, was wir als moralische Hierarchien kennen, auf den Prüfstand. Aber da es keine Hierarchien mehr gibt, bleiben die Ideen, bleiben die freien Gedanken ungeprüft auf dem Prüfstand liegen.

Wissen ohne Bindung und nicht mehr konsenspflichtig, ist ein hochwertiges Gefahrengut für die Gesellschaft. Bleibt die Frage nach dem Wächter des Wissens. Der Wächter des Wissens ist das Gewissen. Dieses ist sogar grundgesetzlich geschützt: „Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.“ (Grundgesetz Artikel 4,1). Es gibt genügend Beispiele in der Geschichte, dass Menschen ihrem Gewissen folgen. Möglicherweise werden sie in ihrer Gesellschaft damit zu Außenseitern. Eine Gesellschaft freilich muss sich auch fragen lassen, wieviele Menschen sie ausgrenzen darf, ohne dass sie daran zugrunde geht. Diese Menschen mit Gewissen werden nun ihrerseits zu Wächtern der Gesellschaft. Ich erinnere an Bonhoeffer oder Sacharow. Aber es braucht dieser Ausnahmegesellschaften gar nicht, um zu sehen, dass Wissen Gewissen braucht. In England gibt es eine gesamtgesellschaftliche Verabredung, die heißt „honor code“. Ein Ehrenkodex, der verpflichtet, nicht zu mogeln, beispielsweise bei Schularbeiten etc. Wissenserwerb wird mit Gewissenserziehung gekoppelt. Das ist bei uns nicht mehr so. Hier gilt ein gutgemachter Betrug als clever. Wir haben im Vorzeigeleipzig eine Vorzeigeprivate Hochschule für künftige Manager errichtet, aber kein Geld für einen Lehrstuhl in Wirtschaftsethik. Wo sind die gesellschaftlichen Wächter, die hier Alarm schlagen? Wo sind wir?

 

 

 

STATUS O.K.

Ja sicher kennen wir 1984 von George Orwell. Das ist aber zwanzig Jahre her und kann als veraltet gelten. Letzlich funktioniert selbst der Blick in der Kopf über die Einwahl in den Computer. Wir freuen uns über Errungenschaften wie Navigationsgeräte, die zentimetergenau wissen, wo wir uns gerade herumtreiben – und wir finden soviel Technik toll. Wir haben uns gewöhnt. Ich sehe mich plötzlich wieder da, wo ich vor dreißig Jahren stand, als ich erfuhr, dass mein Telefon abgehört wird: Ich sage mir, das ist nicht mein Problem. Die haben eins mit mir. So what!

Behütet, beschützt, überwacht und wehe, etwas passiert außer der Reihe. Das ist der Konsens: Ihr könnt mich überwachen, so viel ihr für möglich haltet, solange es mir gut geht dabei. Jan Bauer stellt seine Fotografien gegen Adlers mythosbesetzten Figuren aus der Zeit, da die Welt noch heil schien. Wir hörten vorhin davon, dass dem nicht so wahr. Natürlich taugen auch die Bauerschen Fotografien zur Mystifizierung. Sie sind so modern, dass sie geradezu spielerisch scheinen. Die Jagd nach dem fremden Eindringling, der da über die polnische Grenze auf deutsches Gebiet durchbrechen will, gerät zu einem absurden, farbenfrohen Theater ohne Mimik. Ohne Mimik gibt es keine emotionale Teilhabe. Nichts verbindet uns mehr mit den Opfern. Nichts mit den Tätern. Keine Regung zur Hilfe wird sich artikulieren, kein Hass. Diese entpersönlichten Schattenfiguren lassen sich ohne Gewissensbisse, in Aussetzung jeglicher moralischer Vorbehalte töten. Von jedem. Denn sie sind auf dem Bild entmenschlicht, indem man dem Betrachter der Szenerie jegliche Personifizierungsmöglichkeit vorenthält. Da ist er schon, der Ansatz zur Mystifizierung. Er liegt im Geschehen selbst. Wird etwas dem Konkreten entrückt, spielt man es auf die Ebene der Geheimnisse. Die Bilder Bauers zeigen unerbittlich  auf, wie der Betrachter von einer Ebene zur anderen weitergereicht wird. Worin liegt der Sinn solcher Bemühungen? Der Betrachter wird zum Mittäter organisiert – und zwar zum schuldfreien. Die Ebene der Geheimnisse entschuldet den Täter, der auf höheren Befehl handelt, zumindest in höherem Befehl. Sie entschuldet auch den Betrachter, der über die Unwirklichkeit der Darstellung keinem Eingreifzwang mehr unterliegt.

Registrierte Kriminelle und Perverse, die dann über digitalisierte Körperkoordinaten (elektronische Fessel) identifiziert werden können, wo immer sie auf dieser Welt sind, lassen den ängstlichen Bürger aufatmen, nicht ahnend, dass der schrankenlosen Überwachung innerhalb eines anderen politischen Systems technisch Tür und Tor geöffnet sind. Letztlich natürlich auch in den Grenzen des politischen Systems, das wir uns organisiert haben.

Wer sollte etwas gegen Überwachungskameras haben, die das Aufwachsen des Kindes im Bauch der Mutter begleiten. Der angenehme Nebeneffekt ist frühzeitig, um uns zu gewöhnen, öffentlich geworden: Man kann früh bereits die richtige geschlechterspezifische Kleidung kaufen. Den bedenklichen zweiten Effekt: Man kann bereits den entstehenden Menschen nach Güte sortieren und gelegentlich aus gesundheitlichen oder anderen Gründen aussortieren, den hat man nicht mit ger gleichen Energie in die Öffentlichkeit gebracht.

Monitor controlling ist das Zauberwort. Ist es noch weit bis zu dem Punkt , den Bauer skizziert: Der Bürger, der als freiwillige Polizeireserve zur abendlichen Entspannung vom Wohnzimmer aus einen Straßenzug kontrolliert und bei Auffälligkeiten die Beamten informiert?

Wir verlassen uns auf unsere demokratische Gesellschaft, die die Spielregeln angemessen berücksichtigen wird. Haben wir vor Jahren es für möglich gehalten, dass wir in unserem Auto sitzend, über den Navigator einverständlich unseren Standort jedem, der es wissen will, weitersagen werden? Dass freilich auch nach dem gleichen Prinzip Hubschrauber Raketen auf Autos abfeuern, um gezielte öffentliche Hinrichtungen durchführen zu können unter Inkaufnahme von Kolateralschäden? Wobei die berichtenden Journalisten nicht mehr über den Status einer öffentlichen Mitwisserschaft hinauskommen.

Und mit dem Verlassen auf die Selbstreinigungskräfte ist das so eine Sache.

Das weiß bereits das alte Testament, wenn Jesaja über die Regierenden des Volks urteilt: Alle ihre Wächter sind blind, sie wissen alle nichts. Stumme Hunde sind sie, die nicht bellen können, sie liegen und jappen und schlafen gern.

Was heißt: Sie tun nichts für die Sicherheit des Volkes.

 

Übrigens, die damals durch die Städte streiften und bewachten, die Nachtwächter, hatten zuzeiten auch Humor. So taten sie durchaus nachts in der Stadt kund, was ihnen nicht gerade wie soziale Gerechtigkeit und gute Bezahlung schien:

 

Hört ihr Herren und lasst euch sagen:

Ich hab mein Hemd heut nass angezogen.

drum lasst es euch zur Warnung sein:

Wer nur eins hat, der weichs´s nicht ein!