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 31. August 2004
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Projekt "Vision.24 Lust auf Zukunft" in Magdeburg
Die Kultur will über einen Frevel siegen
Die Initiatoren des Projektes (v.l.) vor dem Portal der ehemaligen Fachschule für angewandte Kunst in Magdeburg: Prof. Joachim Wohlgemuth, Schriftsteller Ludwig Schumann und Autor und Kulturproduzent Norbert Pohlman. Foto: Uli Lücke

Am 26. Oktober wird in Magdeburg die Kultur endlich über einen Frevel siegen, der bereits etwas zurück liegt. Dann soll, so der Magdeburger Autor und Kultur-Produzent Norbert Pohlmann, ein skurril-wundersamer, in Wirklichkeit aber wunderbarer Umzug durch Magdeburgs Straßen führen. Von der Freiligrathstraße zur Brandenburger Straße. Das sind nur ein paar hundert Meter Luftlinie, doch in Wirklichkeit liegen Welten zwischen Anfang und Ende des Zuges.

Magdeburg - Um es kurz zu machen: Die 1963 von der sozialistischen Staatsmacht geschlossene legendäre Fachschule für Angewandte Kunst, vormals Kunstgewerbe- und Handwerkerschule wird wieder eröffnet. Symbolisch zwar nur, aber mit ganz realen Visionen, mit denen aus dem Projekt "Vision.24 Lust auf Zukunft". Das ist seit geraumer Zeit Dank einer Kooperationsvereinbarung zwischen der Landeshauptstadt Magdeburg, der Hochschule Magdeburg/Stendal und dem Kunstverein Vierung in einigen Räumen dieser einstmals renommierten Ausbildungsstätte zu Hause.

Anlässlich des 1200jährigen Stadtjubiläums wird mit diesem Projekt an ein wichtiges Kapitel Magdeburger Kultur- und Bildungsgeschichte erinnert, das weitgehend aus dem Gedächtnis verdrängt scheint, obwohl Beachtliches geleistet wurde von den Lehrern und Schülern der 1793 gegründeten Einrichtung.

Prof. Ulrich Wohlgemuth, Dekan des Fachbereichs Gestaltung und Industriedesign und neben Norbert Pohlmann und dem Magdeburger Schriftsteller Ludwig Schumann einer der Initiatoren des Visions-Projektes, vergleicht die Bedeutung der Magdeburger Werkkunstschule mit der des Bauhauses. In ihrer Blütezeit vor und nach dem ersten Weltkrieg war diese Einrichtung eine der wichtigsten ihrer Art in der Welt.
 




Das Magdeburger Modell mit Werkstätten, denen jeweils ein Werkmeister für die technische Seite und ein künstlerischer Leiter für die gestalterische Seite vorstanden, war beispielgebend für das spätere Bauhaus, betont Wohlgemuth. Die später weltberühmten Bauhaus-Strukturen wurden in dieser Magdeburger Kunst- und Handwerkerschule um die Jahrhundertwende mit vorbereitet. Ludwig Mies van der Rohe sollte später sogar Direktor der Magdeburger Schule werden, erklärt der Magdeburger Hochschulprofessor.

Zurück zum Umzug am 26. Oktober. An diesem Tag soll, so Norbert Pohlmann, eine "Rück-Führung" erfolgen. Hintergrund ist eine Rettungstat. 1963 bewahrte der Magdeburger Maler Wilhelm Paulke, Lehrer an der Werkkunstschule, wichtige Gegenstände, Bilder, Dokumente und anderes Schriftgut vor der Zerstörung im Zusammenhang mit der Schließung. Er brachte alles in sein Atelier in der Magdeburger Freiligrathstraße. Dieser Schul-Nachlass, insgesamt 2000 Arbeiten, wurde später von dessen Sohn Dr. Günther Paulke bewahrt und wird nun an den ursprünglichen Ort, in die Brandenburger Straße zurückgeführt.

"Dabei drehen wir ein wenig an der Zeitschraube, zeigen, dass scheinbar unumkehrbare Schließungsbeschlüsse verhindert werden können, wenn der Protest groß und kreativ genug und natürlich berechtigt ist". erklärt Pohlmann, der von den vielen für die politische Führung völlig unerwarteten Protestaktionen der Magdebürger zu berichten weiß: dem Offenen Brief der Blumenverkäuferinnen, den Sitzstreiks in der Stadtverwaltung und den Arbeitsniederlegungen im SKET und im Dimitroff-Werk.

Nach der Ankunft des Zuges in der Brandenburger Straße ergreift die Menge wieder Besitz von der Schule; in den Räumen herrscht (Schul)Betrieb, der für die Zuschauer und Besucher stationenartig erlebbar wird und zum Tätigwerden anregen soll. Akt-Zeichen-Kurse beginnen ihre Arbeit, Installationen machen aufmerksam auf die Hochschul-Workshops, die man in den nächsten Tagen und Wochen besuchen kann, Kreativtechniken werden vorgestellt. Und natürlich kommt der Heizer zu Wort, der Paulke seinerzeit half, die jetzt präsentierten Arbeiten zu retten.

Die ganze Zeit über ist eine Rück-Führung-Annahmestelle besetzt, an der die Magdeburgerinnen und Magdeburger noch erhaltene Arbeiten, Materialien, Erzählungen und ähnliches über und zur Kunstgewerbe- und Handwerkerschule abgeben können.

Die Initiatoren des Projektes wollen die Brandenburger Straße in ein "Forum Gestaltung" verwandeln. Wohlgemuth will das bewusst weit verstanden wissen: "Wir begrenzen den Begriff Gestaltung nicht auf die Kunst und Design, sondern fassen ihn sehr umfassend, als Möglichkeit und Chance zur Gestaltung des eigenen Lebens."

Freilich wird es keine neue Werkkunstschule geben, sagt Pohlmann, aber das Projekt "Vision.24 Lust auf Zukunft" will Dach sein und Ideengeber zugleich für Veranstaltungen der unterschiedlichsten Art.

Ideen gibt es viele. Und konkrete Vorhaben: Nach dem Auftakt im Oktober und November wird es vom 1. bis 24. Dezember im "Kalendoskop" täglich Neues zu sehen und hören geben. Darunter eine Theaterserie des Magdeburger Dramatikers Dirk Heidicke ("Olvenstedt probiert's!") unter dem Titel "Zwölf Kapitel Kunst Konzepte Köpfe" - zur Geschichte der Schule. Zum 1200. Magdeburger Stadtjubiläum verdichten sich die mit Ausstellungen, Konzerten und Theater die Aktionen und Veranstaltungen. Das Magdeburger Stadtjubiläum erklärt übrigens auch den Titel der Initiative "Vision.24". Pohlmann: Wir wollen 12 Jahrhunderte zurückblicken und 12 Jahrhunderte vorausdenken, wir wollen Lust auf Zukunft machen."



Von Jürgen Hengstmann

  

(MRSA)

 
 
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