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| Volksstimme KULTUR 13.12.2004 Eine musikalische Lesung mit dem Soederland-Trio in der Magdeburger Petrikirche Weihnachtsgeschichten von Karl Heinrich Waggerl Von Liane Bornholdt Magdeburg. Zwischen Glühwein und Adventskerzen versammelte sich am Freitag zahlreiches Publikum, um mit dem Soederland-Trio, Ludwig Schumann, Texte und Rezitation, Warnfried Altmann, Saxophon und Hermann Naehring, Percussion, weihnachtliche Geschichte, literarische und musikalische zu erleben. Mit den bekannten Improvisationskünsten der beiden Musiker begann der Abend. Warnfried Altmann und Hermann Naehring zeigten sich trotz der Kirchenkälte hervorragend aufeinander eingestellt, und sie spielten im Laufe des Programms schöne und besinnliche Stücke, vor allem Improvisationen über alte Weihnachtslieder und Barockmusiken. Sehr intelligent, wie sie beide auch die Stimmungen der Texte aufnehmen konnten. Ludwig Schumann las Aphorismen, Gedichte und Weihnachtsgeschichten des Österreichischen Schriftstellers Karl Heinrich Waggerl. Die Zuhörer allerdings wurden nicht nur zur musikalischen Lesereise an die ironisch-pointiert und tiefsinnig beschriebenen Schauplätze der Weihnachtsgeschichte mitgenommen. So leicht machte es Ludwig Schumann den Zuhörern nicht. Vor und um die Texte herum sprach er auch über den widersprüchlichen Lebensweg des österreichischen Dichters. Er ließ Zeitzeugen Waggerls zu Wort kommen, las aus Briefen und anderen Dokumenten und berichtete über verschiedene biografische Stationen. Man traf Waggerl als frühreifen jungen und aufmüpfigen Dichter, als wagehalsigen, aber nicht unbedingt tapferen Soldat im 1. Weltkrieg, als Streber und Träumer, als Frauenheld und Macho. Vor allem aber traf man Karl Heinrich Waggerl als frühen Befürworter der Hitlerei in Österreich. Die Frage, ob Waggerl ein Nazi war, blieb offen. Ein Mitläufer und Opportunist war er auf alle Fälle. Und Ludwig Schumann ersparte dem Publikum auch nicht eine ziemlich fadenscheinige und unangenehme Selbstrechtfertigung des Dichters aus dem Jahr 1951. Und doch war Waggerl ein Dichter, ein Sprachgenie, ein Künstler. Seine Texte sind poetisch, frech und amüsant und werfen überraschende Lichter auf die verschiedenen Episoden der Weihnachtsgeschichte. Das holdmilde Lächeln des neugeborenen Jesuskindes, weiß man nun, ist nur insofern himmlischen Ursprungs, weil die Engel, die alles Kleingetier aus hygienischen Gründen aus dem Stall zu Betlehem verjagten, einen Floh übersehen hatten. Dieser nun kitzelte das Kind, worauf es lachen musste. Die Flohgeschichte hatte Waggerl übrigens seinerzeit ziemlich böse Kritik von Seiten der Kirche eingetragen. Weihnachtskonzert mit Trommeln, Rasseln und Pauken Märkische Oderzeitung 19.12.2002 In der Galerie Bernau spielten der Percussionist Hermann Naehring und der Saxophonist Warnfried Altmann altbekannte Choräle auf völlig neue Art Bernau. Weihnachtskonzert in der Galerie Bernau: Die Sehnsucht bleibt die heile Welt. Im Dunkel des Hofes ein zartes Lichternetz, unter dem ein Tannenbaum zu erahnen ist. An der Scheibe flackert der Schein einer dicken, roten Kerze im Wind. Doch nicht von diesen untrüglichen Zeichen für das nahende Fest der Ruhe und Gemütlichkeit wurden die Blicke der genüsslich ihren Rotwein schlürfenden Besucher angezogen. Vielmehr war vor ihnen ein Arsenal von Schlaginstrumenten aus aller Welt aufgebaut, welches eher ein Lärmspektakel vermuten ließ: asiatische Gongs verschiedener Größen, paukenähnliche Kongas aus Südamerika, Becken, ein Vibraphon, ein Drumkit, ein indischer Tonkrug, Klanghölzer aller Art und Rasseln, darunter eine aus Nüssen. Dazu gesellten sich ein Sopran- und ein Tenorsaxophon. Hermann Naehring aus Regenmantel bei Seelow, Percussion und der Magdeburger Warnfried Altmann, Saxophon, verjazzten Weihnachts-Choräle: Kommet ihr Hirten, Tochter Zions im Marschrhythmus, Maria durch ein Dornwald ging, dazwischen aus der 2. Cellosuite d-Moll von Bach das Präludium originalgetreu als Solo vom Tenorsaxophon und die berühmte Händel-Sarabande d-Moll mit Naehrings eigenen Variationen auf dem Vibraphon. Der Zuhörer erlebte ein Wechselbad der Gefühle. Dem glockenklaren Ton des Vibraphons und den geheimnisvollen, mystischen Klängen der Gongs stand der heißere Ton des Saxophons gegenüber und verträumte Titel wechselten mit furiosen Perkussionen ab. Den musikalischen Höhepunkt bildete Satchmos What a wonderful world, hinreißend schlicht auf dem Vibraphon gespielt, und darübergelagert hektische, verzweifelte Schreie vom Saxophon Todesangst. Dazu Weihnachtslegenden des fast vergessenen Karl Heinrich Waggerl (1897-1973), zusammengestellt und mit kritischen Kommentaren vorgetragen von dem Magdeburger Autor Ludwig Schumann, der sich bewusst ist: Sein freier humorvoller, auch bisweilen ironischer Umgang mit der biblischen Geschichte ist immer nahe am Kitsch. So konfrontiert Schumann die heile Welt in ihnen immer schonungslos mit der schrecklichen Wirklichkeit der Hitlerzeit, in welcher sie entstanden sind, und findet auch Bezüge zur Gegenwart. Bleiben da nicht die weihnachtlichen Gefühle auf der Strecke? Beiden Musikern ist durchaus bewusst, dass sie Weihnachts-Choräle spielen, aber wir vergewaltigen sie nicht, wir wollen sie in unsere Zeit versetzen, mit unseren zeitgemäßen Mitteln interpretieren, erklärt Naehring. Und die Legenden kann man so nicht stehen lassen, denn unsere Welt ist nicht heil, fügt der Saxophonist hinzu. Für die 37-jährige gelernte Wirtschaftskauffrau aus Börnicke, Ulrike Braun, war das Konzert ein gültiges Vorweihnachtsprogramm, das durch die Geschichten un die Choräle sehr besinnlich stimmte, aber im Kontrast zu dem steht, was man auf jedem Weihnachtsmarkt hören kann. Sie lobte die gewagte Verknüpfung von Leben, Legenden und Musik, die Sinn macht, weil sie die eigene Zivilcourage, die dem Dichter Waggerl in der Nazizeit fehlte, anmahnt. Die Galerie Bernau kennt Hermann Naehring schon seit einem Klang-Raum-Projekt mit Musikschülern aus Bernau und Frankfurt (Oder) 1999 in der Galerie. Als Naehring und Altmann zum diesjährigen Festival der Alten Musik hier ihre Turmmusik veranstalteten, wurde das Programm verabredet. Wir wollen nicht das gefällige Weihnachten machen und das bedienen, was allgemein erwartet wird. Das ist die Sache anderer. Wir wollen das Spektrum des Publikums erweitern und gemeinsam Neues gewinnen, fasst die 38-jährige Sabine Oswald, Mitglied des Förderkreises der Galerie Bernau, zusammen. Elke Lang Weihnachtskonzert einmal anders Vom Floh im Ohr des Jesuskindes Abseits vom Kitsch, aber mit viel Wärme: soederland.com Freies Wort, Thüringen Donnerstag, den 12. Dezember 2002 Schmalkalden Weihnachtslieder klangen am Samstagabend ganz versteckt aus den Saxophon-Improvisationen von Warnfried Altmann. Weihnachtsgeschichten, aber nicht die Weihnachtsgeschichte erzählte Ludwig Schumann. Die Klangräume von Bethlehem und der Flucht nach Ägypten schuf Hermann Naehring auf illustrem Schlagwerk. Fest ohne Kitsch Unter dem Namen soederland.com ziehen die drei Künstler durch die Lande und stellen Projekte der Begegnungen vor. Dahinter verbergen sich sozusagen multimediale Betrachtungen eines Themas. In diesem Falle, also Weihnachten, das mit dem Titel Die Sehnsucht bleibt die heile Welt versehen wurde. An Weihnachten ist alles gut, meinen die drei Künstler und sehen das Fest ohne Kitsch, aber mit viel Wärme. Eine echte Alternative zum rot-weißen Glühwein-Wahnsinn vor dem Kirchentor dürfte das Konzert sicher nur für diejenigen gewesen sein, die sich dem kommerziellen Weihnachtstrubel prinzipiell entziehen. Alle anderen konnten humorvoll-besinnlich eine Auszeit nehmen. Gleichgesinnte Fast könnte man meinen, der Saxophonist Warnfried Altmann hat einen Narren an Schmalkalden gefressen, schon fünfmal gastierte er hier. Es könnte aber auch so sein, dass das Publikum ihn immer wieder hören will. Als Pfarrer Martin von Frommannshausen die Zuhörer in der Stadtkirche begrüßte, dann war auf einmal klar, dass hier Saxophonisten unter sich waren. Texte von Karl Heinrich Waggerl bildeten das Gerüst des Programms. Man musste den österreichischen Dichter nicht kennen, Ludwig Schumann stellte ihn im Verlauf des Abends vor. Neben der historischen Situation von Christi Geburt ergab sich damit eine weitere Zeitschiene von der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In dieser Zeit hat Waggerl gelebt und ist dadurch aufgefallen, dass er sich von Nazis hat blenden lassen. Das haben viele andere auch, belegt das Programm mit Zitaten des Schauspielerehepaares Paula Wessely und Paul Hörbiger. Wie Waggerl stimmten sie 1938 mit blumigen Worten dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland zu. Die menschliche Rechtfertigung was hätte ich denn tun sollen nahm dann später nicht nur der Dichter Waggerl für sich in Anspruch. Weihnachten ist die stille Zeit für solche Fragen an sich selbst. Antworten finden sich in der Weihnachtsgeschichte, vermittelte der Abend ebenso humorvoll wie unaufdringlich. Denn menschlich ist es zugegangen in jener heiligen Nacht vor zweitausendzwei Jahren. Nicht nur Zustimmung Karl Heinrich Waggerl gelang es in seinen Legenden Nähe zum Unantastbaren herzustellen. Zu seiner Zeit fand das nicht die Zustimmung der Kirche. Der Bischof von Salzburg soll die Lesung verlassen haben, als der Dichter zum ersten Mal die Geschichte vom Floh im Ohr des Jesuskindes vorgelesen hat. Trotzdem: Schön zu wissen, dass Jesus jeder Kreatur zum Recht auf Leben verhalf. Ob Eltern die Geschichte vom Hirten, der das heilige Baby bedauerte, weil es so gar kein Spielzeug hatte und ihm deshalb den Daumen in den Mund steckte, so gut finden, weiß man nicht. Doch die Pointe, das Nächstliegende zum Wohle des anderen zu tun, traf wohl den Geist der Weihnacht. Ein Wunder soll es gewesen sein, dass die Handflächen des schwarzen Königs Melchior weiß wurden, weil er die Füße des Jesuskindes berührte. Das wäre eben im Österreich des Jahres 1938 ein Wunder gewesen. Hinterher jedoch waren alle schlauer und wussten, dass hier Hitlers Rassenhetze Waggerls Feder geführt haben muss. Gar nicht erhaben moserte der Esel, der die heilige Familie nach Ägypten brachte, in des Dichters Geschichte herum. Das viele Gepäck war ihm einfach zu schwer und Futter für ihn hatten sie auch noch vergessen. Wieder Zeit für ein Wunder, diesmal wurden die Disteln süß und saftig und der Esel war´s zufrieden. All diese Geschichten verwoben Warnfried Altmann und Hermann Naehring zu Klangräumen. Geräusche des Windes wurden zu silbernen Glockenmelodien, auf einem Tongefäß stampfte das Vieh im Stall von Bethlehem, beflügelt von den Dichtergeschichten sprang die Phantasie der Zuhörer auf den musikalischen Impuls an. Wenn Warnfried Altmann mit dem Saxophon Musik aus den Geräuschen bildete, dann blieben einerseits die Töne im historischen Kontext der Christnacht. Doch ab und zu flammten romantische Weihnachtslieder, Bach´sche Choräle oder gar Tanzmusik aus Waggerl´s Zeit auf. Mancher kam im Moment aber nicht drauf, wie die wohl bekannte Weise heißt. Auch Spannung und die Frage, worauf hören wir eigentlich noch. Bei all dem, man glaubt es kaum, wurde herzlich gelacht. Wer dann immer noch keine Lust auf Weihnachten bekam, dem war nicht mehr zu helfen. Margit Dressel "Die Sehnsucht bleibt die heile Welt" Waggerl Programm von Soederland.com im Theater des Lachens Märkische Oderzeitung vom 7.12.2002 Ein Autor kann einen anderen Autor aus der Vergessenheit holen, indem er seine Texte liest und aus seinem Leben erzählt. Was geschieht aber, wenn zwei Musiker hinzutreten, um Leben und Werk auf ihre Weise zu interpretieren. Dieses Experiment haben Ludwig Schumann (Texte) Hermann Naehring (perc.) und Warnfried Altmann (sax.), das Trio Soederland, gewagt. Objekt ihrer Betrachtungen ist Karl Heinrich Waggerl (1897-1973). Was sie zu Tage förderten, war am Donnerstagabend im Theater des Lachens zu hören und wurde vom Publikum begeistert aufgenommen. Mit jedem Text, mit jedem Musikstück kam er den Zuhörern ein wenig näher, dieser heute fast vergessene Autor. Biografisches, Legenden, Gedichte, jazzige Klänge, und Improvisationen legten sich beinahe wie von selbst zu einem Hör-Puzzle zusammen, daß sich der Beschreibung entzieht, daß als Ganzes erlebt werden muß. Da ist die ärmliche Kindheit, der Soldat, der im ersten Weltkrieg wie verrückt aus dem Schützengraben stürmt, der Dichter, der von Anton Kippenberg entdeckt und von Karl Kraus geschmäht wird, der Genralstäbler im Ehekrieg, der Mann, der sich seine Möbel zwischen rustikal und Bauhausstil selbst zimmert, und der Hitlers Machtergreifung begrüßt und später mit Lebensweisheit Pflanzen andichtet. Den wunden Punkt in der Biografie berührt Schumann geschickt, indem er das Publikum fragt: und wir, wie verhalten wir uns heute im Angesicht von Krieg und Terror? Und Naehring intoniert "What a wonderfull world" während Altman seinem Saxophon schrille Schreie entlockt. So eindeutig und so vieldeutig begegneten sich Text und Musik an diesem Abend vielfach. Da wurde eine gerade gehörte Geschichte noch einmal musikalisch erzählt, da blieb Zeit, sich in den Menschen Waggerl hineinzudenken und an eigene Erfahrungen zu rühren, wurde Zeit überbrückt von den 20er, 30er Jahren ins heute. Und was hat das alles mit Weihnachten zu tun? Nicht wenige der Texte, die Schumann las, handelten vom Christkind, von seiner Geburt und der Flucht vor Herodes. Ob es nun der Floh im Ohr des Christkindes war, der Stern der die heiligen drei Könige leitete oder der Esel mit dem die heilige Familie unterwegs war, alles gab Waggerl Anlaß zu feinen heiteren Geschichten. Das Publikum nahm sie heiter auf, ebenso das Zusammenspiel von Naehring und Altmann, deren Musizierfreude sich schnell übertrug und die ihren Instrumenten in Harmonie und Dissonanz alles abverlangten. Den dreien gelang damit ein vorweihnachtliches Programm, das die Sehnsucht nach der heilen Welt ausspricht, die ja gerade in der Adventszeit wächst. Ein Programm, das deutlich macht, daß diese Sehnsucht unerfüllt bleibt. Dennoch lohnt es zu leben, oder vielleicht gerade deshalb. Carmen Winter
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